Medizinische Flüchtlingshilfe

  Kölner Büro  

Was bedeutet es, "papierlos" leben zu müssen?

Der illegale Aufenthalt ist undenkbar ohne die notwendigen und strengen Verhaltensregeln, die zum Ziel haben,
so wenig wie möglich in der Öffentlichkeit aufzufallen.
Dazu gehören dann etwa so einfache Dinge, wie bei Rot nicht über die Ampel zu gehen oder
nie ohne funktionierendes Licht am Rad zu fahren.
Bis weit in den privaten Bereich hinein durchziehen diese Regeln den Alltag.
Das zeigt sich u.a. daran, dass nur Leute in die Wohnung gelassen werden,
die ihr Kommen vorher telephonisch angekündigt haben.
Ein unvorangemeldeter "Besuch" könnte schließlich auch die Polizei sein,
deren Präsenz die ständig drohende Abschiebung verkörpert.
Die Angstschwelle und Sicherheitsstrategien variieren sicher individuell, aber für alle ist die Frage,
zu wem man Vertrauen haben kann, ganz zentral.
In entrechtetem, ungesichertem oder illegalisiertem Status zu leben,
bedeutet die ständige Angst vor Denunziation und Erpressung, weil die Entdeckung, Bestrafung,
Abschiebehaft oder die sofortige Abschiebung zur Folge hat.
Es bedeutet völlige Schutz- und Rechtlosigkeit gegenüber Behörden, Arbeitgebern und Vermietern,
aber auch im Falle von Krankheiten, Unfällen oder Übergriffen.
Es bedeutet auch, soziale Kontakte fürchten zu müssen.
Kinder können keine Schule und keinen Kindergarten besuchen, Jugendliche keine Ausbildung anfangen.
Es bedeutet, ständig auf der Hut zu sein.

Für Frauen bedeutet das Leben in der Illegalität, sexistischer Gewalt rechtlos ausgesetzt zu sein und
die Versorgung und Betreuung von Kindern und Familie, für die sie meistens verantwortlich sind,
unter schwierigen Bedingungen leisten zu müssen.
Rechtsprobleme wie das Einklagen von vorenthaltenem Lohn,
Ansprüche auf Leistungen des staatlichen Gesundheitswesens, Rechte auf einen Schulbesuch an öffentlichen Schulen,
das Recht auf Bildung und das Recht sich frei bewegen zu können, bleibt papierlosen Menschen verwehrt.
Menschen in der Illegalität sind zwar Träger von Menschenrechten und haben, theoretisch, garantierte Rechtsansprüche. Doch lassen sich diese Rechte praktisch nur unter dem Risiko der Inkaufnahme einer Ausweisung durchsetzen.
Aus Angst vor einer Abschiebung wird die Möglichkeit, krank werden zu können, zu einer umfassenden Bedrohung,
denn nach dem Ausländergesetz macht sich ein Deutscher, der Illegalisierten hilft,
ohne sie zu denunzieren, selbst strafbar.
Im Falle einer Erkrankung oder Schwangerschaft wird der Besuch bei einem Arzt solange wie möglich vermieden.
In dieser Situation suchen Illegalisierte den Ausweg oftmals im Bereich der Laienhilfe im Angehörigen- oder Bekanntenkreis anstelle einer adäquaten medizinischen oder psychotherapeutischen Versorgung.

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